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Sound der Freiheit

Nicht alleine das Titelthema des Amnesty Journal 01/2011 bietet Anlass, auf „das Magazin für die Menschenrechte“ von Amnesty International hinzuweisen. Es ist „Der Sound der Freiheit – Musik und Menschenrechte“.

Nach der lobenswerten Aktion zur Kennzeichnung zur individuellen Kennzeichnungspflicht für Polizisten im letzten Herbst, die ich kommentierte, gibt es nun einen ausführlichen Artikel über die Schulung von Polizisten in Menschenrechten und im Umgang mit Demonstranten zu lesen. Polizisten werden, wie folgt, zitiert:

Die Auszubildenden sollen am eigenen Leib erfahren, welche Auswirkungen ihr Handlen hat. Damit sie genau wissen, wo defintiv Schluss ist.

Menschenrechte sind doch unser Job.

Darüber hinaus wurde auf das Spiel Frontier aufgemerksam gemacht, welches das Vorbild für 1378(km) war, das bei uns zu einer Kontroverse wurde und ich ebenfalls ausführlich kommentierte.

Computerspiele noch in der Steinzeit

Das in den Medien zum Skandal hoch geschriebene Spiel 1378(km) wird heute endlich der Öffentlichkeiten präsentiert. Der Student Jens Stober wollte es zum Tag der deutschen Einheit veröffentlicht, da man in seinem Spiel den Erschießungsbefehl an der innerdeutschen Grenze nachvollziehen kann. Die Staatliche Hochschule für Gestaltung  Karlsruhe entschied sich jedoch leider dem öffentlich Druck nachzugeben und die Veröffentlichung zu verschieben.

Wir brauchen aber dringend eine Debatte über die Kunstform Computerspiel, denn als diese ist es nicht anerkannt. Ich finde es schade, dass sich die Hochschule so entschied, obwohl ihr dieses Problem bekannt ist:

Wir sind eigentlich noch in der Steinzeit. Im allgemeinen Bewusstsein ist das Computerspiel noch immer ein Medium, das vor allem niedere Instinkte bedient. Aber dazu gibt es geschichtliche Vergleiche. Neue, innovative Medien brauchen einfach Zeit. Schauen Sie auf den Film, der diente zunächst vor allem den unteren Schichten als Unterhaltungsmedium. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er eine in intellektuellen Kreisen anerkannte Kunstform geworden ist.
Michael Bielicky, Leiter des Fachbereichs Medienkunst an der HfG Karlsruhe

Auch eine Podiumsdiskussion zu dem Spiel scheint keinen Fortschritt zu bringen, wenn man sich die ignorante Haltung der Opferverbände anschaut:

Ich brauche ein Computerspiel, dessen Spielspaß darin besteht, unbewaffnete Zivilsten abzuknallen, nicht unbedingt zu spielen, um es zu kritisieren.
– Rainer Wagner von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft

Rainer Wagner verschließt sich jeder Debatte, obwohl er offensichtlich nicht einmal weiß, wovon er redet:

Man wird das Spiel nur gewinnen, ohne einen einzigen Schuss abzugeben.
Jens Stober, Entwickler von 1378(km)

Um über die Frage zu diskutieren, ob auch digitale Kunst frei ist, habe ich hier immer wieder auf  politische Spiele von hohem Wert hingewiesen:

Anmerkungen zu Rainer Wagner:
Ich kenne ihn nicht, aber laut Wikipedia ist es eine interessante Persönlickeit: Träger des Bundesverdienstkreuzes, strenggläubiger Pietist, Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, hält Juden und Atheisten für „Knechte Satans“.

Helft pädophilen Priestern

Das Spiel 1378(km) hat einen Medienzirkus ausgelöst, weswegen nun das Spiel nicht wie geplant morgen veröffentlicht wird. Die freie Kunst hat sich zu meinem Bedauern dem öffentlichen Druck gebeugt.

Kunst kann und darf verstören. Es gehört auch Mut dazu, die Kunst umzusetzen. Marc Duchamp hat mit seinen Readymades Fountain und Bicycle Wheel die Menschen verstört. Ebenso schockierte Édouard Manet mit einer nackten Frau zwischen bürgerlich gekleideten Menschen in dem Gemäde „Das Frühstück im Grünen“. Heute jedoch werden die Kunstwerke in dem MoMA in New York und im Musée d’Orsay gefeiert. Die digitale, spielbare Kunst hat es immer noch schwer! Da ist Karlsruhe mit dem ZKM ein Leuchtturm. Um für das das Computerspiel als Kunstform zu werben, werde ich in den nächsten Tagen künstlerisch wertvolle Spiele mit politischen Inhalt vorstellen.

Auch das satirische Flash-Game „Operation: Pedopriest“ löste einen medienwirksamen Skandal aus, jedoch in Italien. Der Inhalt des Spiel war 2007 für viele Empörte unvorstellbar. Der Kern ist heute teilweise traurige Gewissheit. Ziel des Spiel ist es nämlich pädophile Priester zu decken, Zeugen einzuschüchtern und die Strafverfolgung dieser Priester zu verhindern. Während dessen missbrauchen die Priester unter den Augen des Spielers munter Kinder weiter. Trotz harmlosen Comic-Look geht das Spiel unter die Haut.

(Spieldauer: So lange man es aushält.)

Das Unter-den-Teppich-Kehren von sexuellen Missbrauch ist nicht nur bei den Kircheneliten verbreitet, sondern auch bei den Kulturelite, auch hier in Deutschland.

Die Kunst ist frei! …auch wenn sie digital ist?

Wie lange dauert es, bis Computerspiele als Kunstform anerkannt werden? Soweit sind wir auf jeden Fall noch nicht, wie die massive Kritik an dem Spiel 1378 (km) und seinem Entwickler Jens M. Stober zeigt.

Worum geht es bei 1378 (km)?

Der Spieler wird in „1378(km)“ an unterschiedliche innerdeutsche Grenzabschnitte versetzt. Dabei ist es dem Spieler möglich in die Rolle des Grenzsoldaten der DDR oder die des Republikflüchtlings zu schlüpfen. In detailliert nachgebauten Szenarien an den jeweiligen Grenzabschnitten zwischen der Bundesrepublik Deutschlands und der Deutschen Demokratischen Republik, kann die dramatische Situation hautnah erlebt werden.
www.1378km.de

Für bild.de ist es widerwärtig. Blogger hingegen finden es je nach Hintergrund „interessant“, überflüssig oder „geschnacklos“. SPON hat es auch gleich geschafft ein paar Zitate von ein paar Hinterbänklern zu ergattern, die über „makaber und skandalös“ über „geschmacklos und dumm“ bis „mutig und interessant“ reichen. Mit Worten begnügt sich Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, nicht und hat bereits Anzeige erstattet.

Insbesondere Hubertus Knabe sollte sich einmal das Grundgesetz genauer anschauen:

Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.
– GG, Art. 5, Abs. 3

1378(km) ist nicht das einzige Spiel, das sich mit ernsten Themen beschäftigt und dafür kritisiert wird. Selbst das satirische McDonald’s Videogame, das ich hier vorstellte, stieß bei den Lesern des Blogs auf Unverständnis.

Wie kunstvoll mit dem Medium Computerspiel umgehen kann, zeigt der bereits von mir vorgestellte Machinima Reverse Propaganda Video:

Paolo Pedercini hatte … die unglaublich geniale Idee ein Computerspiel für Rekrutierungs- und Propagandazwecke zu benutzen, um ein „Reverse Propaganda Video“ zu erstellen. Er stellt der Fiktion des Rekrutierungsspiel  die realen psychischen Folgen des Militärdienstes gegenüber. Was für eine grandiose Idee!
‚Reverse Propaganda Video‘, Politur

Um weiter für die Bedeutung des Computerspiels als Kunstform zu werben, werde ich in den nächsten Tagen weitere hervorragende Beispiele für politische und kunstvolle Spiele hier diskutieren.