Every day the same dream.

Vor kurzem hatte ich „zwei Videos über die Entfremdung in der Arbeitswelt und den Alltag [vorgestellt], die im Stil nahezu identische“ und einem 2d-Jump’n’Run nachempfunden sind. Mit denselben Motiven arbeitet das 2d-Spiel „Every day the same dream“.

In diesem Browsergame kann man nun selbst aktiv versuchen dem Alltag zu entfliehen. Egal ob die Optionen zum Alltag katastrophal oder marginal sind, man wacht am nächsten Morgen in bewährter „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Manier in seinem Bett auf, bis auf einmal alles anders ist. Ist das gesamte System zusammengebrochen, weil alle kollektiv eine der Optionen gewählt haben, die man zuvor ausprobiert hat? War alles zuvor nur ein Traum und man sieht sich am letzten Tag, wie man dem ganzen wirklich entflohen ist? Was meint Ihr?

(Spielzeit: ca. 5 min)

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie von Artikeln zu Thema  Art Games.

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Auf den Schultern von Riesen

‚We the Giants‘ von Peter Groeneweg ist ein künstlerisches Spiel, das man unbedingt gespielt haben muss. Es besticht durch Simplizität bei Sound, Grafik und Spielprinzip und hinterlässt vielleicht gerade deswegen einen tiefen Eindruck. Um so mehr bleibt Raum für die Frage nach der Opferbereitschaft in einer Gesellschaft und das Verhältnis von Gesellschaft zum Individuum.

(Unbedingt spielen! Spieldauer <5min)

Der Titel ‚We the Giants‘ spielt auf das Bild des Zwergen auf den Schultern von Riesen an, um zu beschreiben, dass unsere heutige vielfältige Kultur und unser reicher Wissensschatz auf den Errungenschaften vielen, vergangener Generationen beruht. Als Liberaler ist man den Zitaten in dem Spiel gut gewappnet.

Weitere Hinweise zu Art Games folgen.

Helft pädophilen Priestern

Das Spiel 1378(km) hat einen Medienzirkus ausgelöst, weswegen nun das Spiel nicht wie geplant morgen veröffentlicht wird. Die freie Kunst hat sich zu meinem Bedauern dem öffentlichen Druck gebeugt.

Kunst kann und darf verstören. Es gehört auch Mut dazu, die Kunst umzusetzen. Marc Duchamp hat mit seinen Readymades Fountain und Bicycle Wheel die Menschen verstört. Ebenso schockierte Édouard Manet mit einer nackten Frau zwischen bürgerlich gekleideten Menschen in dem Gemäde „Das Frühstück im Grünen“. Heute jedoch werden die Kunstwerke in dem MoMA in New York und im Musée d’Orsay gefeiert. Die digitale, spielbare Kunst hat es immer noch schwer! Da ist Karlsruhe mit dem ZKM ein Leuchtturm. Um für das das Computerspiel als Kunstform zu werben, werde ich in den nächsten Tagen künstlerisch wertvolle Spiele mit politischen Inhalt vorstellen.

Auch das satirische Flash-Game „Operation: Pedopriest“ löste einen medienwirksamen Skandal aus, jedoch in Italien. Der Inhalt des Spiel war 2007 für viele Empörte unvorstellbar. Der Kern ist heute teilweise traurige Gewissheit. Ziel des Spiel ist es nämlich pädophile Priester zu decken, Zeugen einzuschüchtern und die Strafverfolgung dieser Priester zu verhindern. Während dessen missbrauchen die Priester unter den Augen des Spielers munter Kinder weiter. Trotz harmlosen Comic-Look geht das Spiel unter die Haut.

(Spieldauer: So lange man es aushält.)

Das Unter-den-Teppich-Kehren von sexuellen Missbrauch ist nicht nur bei den Kircheneliten verbreitet, sondern auch bei den Kulturelite, auch hier in Deutschland.

Die Kunst ist frei! …auch wenn sie digital ist?

Wie lange dauert es, bis Computerspiele als Kunstform anerkannt werden? Soweit sind wir auf jeden Fall noch nicht, wie die massive Kritik an dem Spiel 1378 (km) und seinem Entwickler Jens M. Stober zeigt.

Worum geht es bei 1378 (km)?

Der Spieler wird in „1378(km)“ an unterschiedliche innerdeutsche Grenzabschnitte versetzt. Dabei ist es dem Spieler möglich in die Rolle des Grenzsoldaten der DDR oder die des Republikflüchtlings zu schlüpfen. In detailliert nachgebauten Szenarien an den jeweiligen Grenzabschnitten zwischen der Bundesrepublik Deutschlands und der Deutschen Demokratischen Republik, kann die dramatische Situation hautnah erlebt werden.
www.1378km.de

Für bild.de ist es widerwärtig. Blogger hingegen finden es je nach Hintergrund „interessant“, überflüssig oder „geschnacklos“. SPON hat es auch gleich geschafft ein paar Zitate von ein paar Hinterbänklern zu ergattern, die über „makaber und skandalös“ über „geschmacklos und dumm“ bis „mutig und interessant“ reichen. Mit Worten begnügt sich Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, nicht und hat bereits Anzeige erstattet.

Insbesondere Hubertus Knabe sollte sich einmal das Grundgesetz genauer anschauen:

Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.
– GG, Art. 5, Abs. 3

1378(km) ist nicht das einzige Spiel, das sich mit ernsten Themen beschäftigt und dafür kritisiert wird. Selbst das satirische McDonald’s Videogame, das ich hier vorstellte, stieß bei den Lesern des Blogs auf Unverständnis.

Wie kunstvoll mit dem Medium Computerspiel umgehen kann, zeigt der bereits von mir vorgestellte Machinima Reverse Propaganda Video:

Paolo Pedercini hatte … die unglaublich geniale Idee ein Computerspiel für Rekrutierungs- und Propagandazwecke zu benutzen, um ein „Reverse Propaganda Video“ zu erstellen. Er stellt der Fiktion des Rekrutierungsspiel  die realen psychischen Folgen des Militärdienstes gegenüber. Was für eine grandiose Idee!
‚Reverse Propaganda Video‘, Politur

Um weiter für die Bedeutung des Computerspiels als Kunstform zu werben, werde ich in den nächsten Tagen weitere hervorragende Beispiele für politische und kunstvolle Spiele hier diskutieren.

Wie direkte Demokratie nicht funktioniert: Beispiel Campact

Die direkte Demokratie fordert von den Bürgern unter den verschiedenen Formen der Demokratie am meisten. Zum Funktionieren einer direkten Demokratie benötigt sie eine weit Verbreitung des demokratischen Habitus in der Bevölkerung. Dazu gehört das breite Bekenntnis der Bevölkerung zum Dialog und Diskurs, zu Grundwerten, wie dass alle von gleicher Würde sind, und zu einem Minderheitenschutz. Dieser demokratische Habitus muss von jeder Generation aufs neue gelernte und angeeignet werden. Da die Bürger möglichst viel selbst direkt entscheiden, fordert die direkte Demokatie von den Bürgern besser informiert zu sein.

Man sollte meinen, dass diejenigen, die für mehr direkte Demokratie in Deutschland kämpfen, besonders sorgfältig mit den demokratischen Werten umgehen. Dem ist leider nicht so.

Campact als Organisator für Kampganen will „demokratische Teilhabe stärken“ und hat auch keinen schlechten Ruf. Deren Kampagne „Stuttgart 21 stoppen!“ liefert den Gegnern der direkten Demokratie reichlich Argument gegen vermehrte Volksentscheide,  wie sie Campact auch auf Bundesebene fordert. Folgenden Kurzinformationen bietet Campact für die Unterzeichner eines ähnlich lautenden Appells an:

Die Landesregierung will gegen den Willen der Bevölkerung ihr Prestigeprojekt Stuttgart 21 durchsetzen. Über 9 Milliarden Euro Steuergelder sollen verpulvert werden. Mittel, die im „Ländle“ dringend gebraucht werden: Beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene.

Die Wahlen im März verunsichern die Befürworter von CDU, FDP und SPD – vor allem angesichts des wachsenden Proteststurms vor Ort. Jetzt müssen wir ihnen klar machen, dass die Menschen in ganz Baden-Württemberg einen Stopp von Stuttgart 21 verlangen.

„Die Landesregierung will gegen den Willen der Bevölkerung ihr Prestigeprojekt Stuttgart 21 durchsetzen.“
Gleich sofort spitzt Campact das Thema auf den Konflikt Bürger gegen Politiker zu. Diese Zuspitzung „Bürger vs. Politiker“ ist eine Polemisierung gegen die repräsentative Demokratie. Die Vereinnahmung aller Bürger hinter der Meinung Campacts ist undemokratisch. In Wahrheit ist die Bevölkerung gespalten. Man beachte außerdem, dass diese Aussage bereits vor den ersten repräsentativen Umfragen getätigt wurde. Entscheidend sind nicht aktuelle Umfragen, sondern wie die Mehrheiten bei einem Entscheidungstermin sind. Das ist in einer direkten wie repräsentativen Demokratie gleich.

„Über 9 Milliarden Euro Steuergelder sollen verpulvert werden.“
9 Milliard sind die geplanten Kosten und nicht die Steuergelder, wie Campact in den Details selbst schreibt. Die Bahn trägt rund 50% davon. Außerdem stehen den Kosten von 9 Milliarden auch Kosten für den Steuerzahler und die Deutschland gegenüber, die verschwiegen werden.  Mit dem Appells lässt Campact die Unterzeichner lügen. Mit falschen Fakten zu argumentieren ist undemokratisch.

„Mittel, die im „Ländle“ dringend gebraucht werden: Beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene.“

Diese Aussage impliziert, dass ohne S21 dem Land BaWü 9 Milliarden Euro mehr zur Verfügung stehen, obwohl sich BaWü nur mit 1,8 Mill. Euro und die Stadt Stuttgart praktisch gar nicht daran beteiligt. Den Rest tragen die Bahn und der Bund. Das frei werdende Kapital können diese bundesweit investieren. Ob das Geld des Landes für eben genau jene Investitionen genutzt wird, ist mehr als fraglich. Bestenfalls werden keine weiteren Schulden aufgenommen.

„Die Wahlen im März verunsichern die Befürworter von CDU, FDP und SPD.“

Jetzt wird offensichtlich, dass es Ziel der Kampagne ist, das Thema in den Landtagswahl hineinzuziehen. Da hinter der Campact-Kampagne maßgeblich die Grünen stehen, ist es auch nicht verwunderlich. Campact versucht deren Beteiliung an der Campact-Kampagne jedoch zu verschleiern. Als Partner ist das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 angegeben und wer sich dahinter verbirgt:

Wer kennt schon den VCD oder das Architektur-Forum BaWü? Die Grünen als das bekannteste Mitglied des Aktionsbündnis fehlen aber! Hier sind alle Mitglieder des Aktionsbündnisses:

Campact gibt zwar vor „parteipolitisch neutral“ zu sein und „keine Zwecke im Sinne der Förderung politischer Parteien und derer Programme“ zu verfolgen, hier machen sie aktiv Wahlkampf für die Grünen gegen alle anderen Parteien im Landtag und verstößt gegen ihre in der Satzung niedergeschriebene Zielsetzungen. Damit unterstützt Campact den Weg der Grünen, die parlamentrische Arbeit der repräsentativen Demokratie aufzugeben.

Campact gaukelt den Bürger parteipolitische Neutralität vor, nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau,  desinformiert die Bürger mit einseitig verknappten Informationen und negiert den demokratischen Diskurs innerhalb der Gesellschaft durch Polemisierung „Bürger gegen Politiker“. Campact erweist damit der Bewegung für mehr direkte Demokratie in Deutschland einen Bärendienst.

Auf dem Weg zu mehr direkten Demokratie müssen wir lernen, wie wir Bürgerbeteiligungen sinnvoll in die Entscheidungsprozesse integrieren. Campact zeigt uns, wie es nicht geht.

Nachtrag: OB Schuster: Kein Verständnis für Scharfmacher

Letzte Woche fragte ich, ob das Einstehen der Poltiker zu ihren Entscheidungen „nicht für eine politische Standhaftigkeit, die immer von Politiker gefordert wird,“ steht.

Auch der Spiegel besingt in seinem Leitartikel „Die Dagegen-Repulbik“ die Standhaftigkeit von Politikern, die nicht jeder Volksstimmung nachgeben dürfen:

„Bürgerliche Emotionalität muss durch politische Abgeklärtheit aufgefangen werden, Mittelschichtseinfluss durch Repräsentation der ärmeren Schichten, Konfrontationswille durch Konsenssuche – und umgekehrt.“

Die SPD zeigt derzeit keine Standhaftigkeit. Wir werden sehen, ob ich mit meiner Aussage über solchen Wankelmut recht behalten werden:

„Dem Protest scheint ein Fähnchen im Wind lieber zu sein.“

Ähnlich dem Spiegel wünscht sich die SZ mehr Standhaftigkeit von der SPD und

Kaum steigt der Druck der Straße, schon regen sich wieder die altbekannten sozialdemokratischen Reflexe, sich aus der Verantwortung zu winden.
Ob Hartz IV, Rente mit 67 oder jetzt „Stuttgart 21“, wenn die große Volksabstimmung wie jetzt die Landtagswahl Ende März ansteht, lassen sich die Genossen schnell den Schneid abkaufen.

Dass der Wahlkampf mit Stuttgart 21 längst begonnen hat, stellt nun auch die Sueddeutsche Zeitung fest:

Die Gegner des umstrittenen Bahnprojekts „Stuttgart 21“ haben zumindest einen Teilsieg errungen: Sie werden jetzt flugs in die anlaufende Wahlkampfmaschinerie eingespeist.

Interessant ist dabei wie sich die Grünen dabei winden. Einerseits machen sie mit Stuttgart 21 Wahlkampf und machen „die klare Aussage, dass [sie] Stuttgart 21 verhindern wollen.“ Auf der anderen Seite sagen sie kleinlaut, dass sie nicht versprechen können, Stuttgart 21 zu verhindern zu können.

OB Schuster: Kein Verständnis für Scharfmacher

OB Schuster widerspricht im im Stuttgarter Amtsblatt klar den Vorwürfen der mangelnden demokratischen Legimentierung und Diskussionsbereitschaft:

Kein Verständnis für Scharfmacher

Die Freiheit ist stets die Freiheit des Andersdenkenden (Rosa Luxemburg). Bei aller unterschiedlicher Bewertung des Bahnprojekts und der zukünftigen städtebaulichen Entwicklung habe ich kein Verständnis für persönliche Diffarmierung, Beleidigungen, mit denen Stuttgart 21-Befürworter eingeschüchtert, genötigt und zum Teil auch bedroht werden. Ich sehe mit Sorge, dass verantwortungslose Scharfmacher zur Radikalisierung beitragen. …

Über 15 Jahre wurde das Bahnprojekt öffentlich diskutiert, abgewogen und letzendlich mit über 75 Prozent der Stimmen von Europaparlament, von Bundestag, vom Landtag, von der Regionalversammlung und vom Gemeiderat beschlossen. Die Gerichte haben diesen Beschlüssen nach erneuter gutachterlichen Prüfung bestätigt.

Bei diesem langjährigen Prozess haben Befürworter und Gegner alle Arguemente eingehend ausgetauscht.

Stuttgart 21 bedeutet für mich viel Arbeit, viel Ärger und derzeit wenig Popularität.

Spricht der letzte Satz nicht für eine politische Standhaftigkeit, die immer von Politiker gefordert wird? Dem Protest scheint ein Fähnchen im Wind lieber zu sein.