Archiv der Kategorie: Toleranz

Computerspiele noch in der Steinzeit

Das in den Medien zum Skandal hoch geschriebene Spiel 1378(km) wird heute endlich der Öffentlichkeiten präsentiert. Der Student Jens Stober wollte es zum Tag der deutschen Einheit veröffentlicht, da man in seinem Spiel den Erschießungsbefehl an der innerdeutschen Grenze nachvollziehen kann. Die Staatliche Hochschule für Gestaltung  Karlsruhe entschied sich jedoch leider dem öffentlich Druck nachzugeben und die Veröffentlichung zu verschieben.

Wir brauchen aber dringend eine Debatte über die Kunstform Computerspiel, denn als diese ist es nicht anerkannt. Ich finde es schade, dass sich die Hochschule so entschied, obwohl ihr dieses Problem bekannt ist:

Wir sind eigentlich noch in der Steinzeit. Im allgemeinen Bewusstsein ist das Computerspiel noch immer ein Medium, das vor allem niedere Instinkte bedient. Aber dazu gibt es geschichtliche Vergleiche. Neue, innovative Medien brauchen einfach Zeit. Schauen Sie auf den Film, der diente zunächst vor allem den unteren Schichten als Unterhaltungsmedium. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er eine in intellektuellen Kreisen anerkannte Kunstform geworden ist.
Michael Bielicky, Leiter des Fachbereichs Medienkunst an der HfG Karlsruhe

Auch eine Podiumsdiskussion zu dem Spiel scheint keinen Fortschritt zu bringen, wenn man sich die ignorante Haltung der Opferverbände anschaut:

Ich brauche ein Computerspiel, dessen Spielspaß darin besteht, unbewaffnete Zivilsten abzuknallen, nicht unbedingt zu spielen, um es zu kritisieren.
– Rainer Wagner von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft

Rainer Wagner verschließt sich jeder Debatte, obwohl er offensichtlich nicht einmal weiß, wovon er redet:

Man wird das Spiel nur gewinnen, ohne einen einzigen Schuss abzugeben.
Jens Stober, Entwickler von 1378(km)

Um über die Frage zu diskutieren, ob auch digitale Kunst frei ist, habe ich hier immer wieder auf  politische Spiele von hohem Wert hingewiesen:

Anmerkungen zu Rainer Wagner:
Ich kenne ihn nicht, aber laut Wikipedia ist es eine interessante Persönlickeit: Träger des Bundesverdienstkreuzes, strenggläubiger Pietist, Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, hält Juden und Atheisten für „Knechte Satans“.

Ein T-Shirt zieht seine Kreise

Seit einigen Tagen geistert ein Pro S21-T-Shirt durch die Blogs, so auch auf  Doras Tagebuch und Feyd Braybrook’s Blog. Es zeigt neben der Silhouette einer knienden  Frau den Spruch „Tu‘ IHN unten rein! Stuttgart 21“.

Ich finde Spruch nicht besonders gut und die Verknüpfung von Sex und Stuttgart 21 als unnötig an. Inzwischen hat die Aufregung auch die etablierten Medien und die handfeste Politik erreicht. Ministerpräsident Mappus und Umweltministerien Gönner werden angerufen und müssen sich einschalten. Die Gewerkschaft und grüne Landtagsfraktion ist öffentlich empört und sogar die Polizei wird eingeschalten.

Ist der Spruch und die Werbung sexistisch oder frauendskriminierend? Die Grundsätze des Werberats helfen diese Frage zu beantworten, die eigentlich nur für kommerzielle Werbung gelten.

Grundsätze des Deutschen Werberats zur Herabwürdigung und Diskriminierung von Personen

Fassung von 2004

In der kommerziellen Werbung dürfen Bilder und Texte nicht die Menschenwürde und das allgemeine Anstandsgefühl verletzen. Insbesondere darf Werbung – gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen – nicht den Eindruck erwecken, dass bestimmte Personen minderwertig seien oder in Gesellschaft, Beruf und Familie willkürlich behandelt werden können.

Vor allem dürfen keine Aussagen oder Darstellungen verwendet werden,

  • die Personen wegen ihres Geschlechts, ihrer Abstammung, ihrer Rasse, ihrer Sprache, ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer politischen Anschauung, ihres Alters oder ihres Aussehens diskriminieren
  • die Gewalt oder die Verharmlosung von Gewalt gegenüber Personen enthalten
  • die den Eindruck erwecken, Personen seien käuflich zu erwerben
  • die den herrschenden allgemeinen Grundüberzeugungen widersprechen (zum Beispiel durch übertriebene Nacktheit)
  • die Personen auf ihre rein sexuelle Funktion reduzieren und/oder deren ständige sexuelle Verfügbarkeit nahelegen
  • die pornografischen Charakter besitzen.

Mit dem T-Shirt werden Frauen nicht diskriminiert, keine Gewalt dargestellt, nicht der Eindruck der Käuflichkeit von Frauen geweckt, keine allgemeinen Grundüberzeugungen verletzt oder die abgebildete Frau pornografisch dargestellt. Jedoch wird die kniende Frauen „auf ihre rein sexuelle Funktion reduziert“ und vielleicht auch „deren ständige sexuelle Verfügbarkeit nahegelegt“. Somit kann man den Werbespruch in Verbindung mit der Silhouette einer knienden Frau nach den Grundsätzen des Werberats als Diskriminierung von Frauen werten.

Weiter heißt es jedoch in den Grundsätzen:

Ob ein Verstoß gegen diese Grundsätze vorliegt, hängt insbesondere von folgenden Kriterien ab:

  • Eindruck des verständigen Durchschnittsverbrauchers
  • Charakter des Mediums
  • Art des beworbenen Produkts/der beworbenen Dienstleistung
  • aktuell herrschende Auffassung über Sitte, Anstand und Moral in der Gesellschaft
  • dargestellte gesellschaftliche Wirklichkeit wie beispielsweise in redaktionellen Teilen der Medien, Film oder Theater.

Zum einen ist der „aktuell herrschende Auffassung über Sitte, Anstand und Moral in der Gesellschaft“, dass eine Frau selbstbewusst einen Mann beim Sex auffordern kann, „ihn unten rein zu tun“.

Zum anderen muss man sich den „Charakter des Medium“ genauer anschauen. Das Medium ist nicht eine weiße Plakatwand, auf der der Spruch mit kniender Frau abgebildet ist.  Es ist auch nicht nur ein T-Shirt auf einem Kleiderbügel. Das T-Shirt ist für Frauen geschnitten. Das ganze Werbemedium ist eine Frau, die solch ein T-Shirt trägt.

Niemand würde auf die Idee kommen, die Trägerin aufgrund des T-Shirts auf auf ihre sexuelle Funktion zu reduzieren oder gar ihre ständige sexuelle Verfügbarkeit erwarten. Der ganze Spruch erhält durch das Tragen einen ironischen Unterton. Es erinnert an die „I wish these were brains!“-T-Shirts. Stellt man sich jedoch einen Mann vor, der dieses T-Shirt trägt, dann hinterlässt das T-Shirt einen chauvinistischen Eindruck.

Da das T-Shirt offensichtlich für Frauen ist, ist es im Sinn des Werberatsweder weder sexistisch noch Frauen diskriminierend. Ob das T-Shirt für oder gegen guten Gemschack spricht und ob es lustig ist, kann man vortrefflich streiten.

Wenn man sich anschaut, welche hoch politischen Kreise das T-Shirt gezogen hat und wie sehr auf einmal nach staatlicher Ordnung und der Polizei gerufen wird, dann wird eine „gegen-alles“-Haltung bei den Gegner von S21 offensichtlich. Auch der Wert Freiheit scheint keine hohe Bedeutung zu haben. Bedenklich finde ich, welche Reaktionen das T-Shirt provoziert:

Ich finde es wirklich sexistisch und demütigend. sollte mir ein Mann in diesem Shirt begegnen bekommt er ihn unten rein, meinen Fuss
Anja auf Doras Tagebuch

Anja findet das T-Shirt sexistisch und alles andere als lustig. Auf der anderen Seite findet sie aber Gewalt gegen Männer lustig oder gerechtfertigt.

Wer ist es hier und heute?

Zum Thema Toleranz schrieb ich letztens, mit welchem Kniff der Film Anderland arbeitet, um mangelnde Toleranz einer Gesellschaft am eigenen Leib spürbar zu machen.  Ähnlich verhält es sich mit dem neuen Video von M.I.A zur Single „Born Free“.

„Das Video beginnt mit Polizeigewalt und ist einigermaßen unangenehm anzuschauen, danach kommt ein Aha-Effekt und es wird klar: Es geht um Rassismus und staatliche Unterdrückung von Bevölkerungsgruppen.“
– René auf Nerdcore

Da dies keine üblich verfolgte Bevölkerungsgruppe ist, kann man sich leichter in die Opferrolle versetzen. Man könne ja selbst einer beliebig definierten Minderheit angehören, die verfolgt wird.

In einer Gesellschaft voller Intoleranz kann jede beliebige Gesellschaftsgruppe Opfer von Ausgrenzung sein und somit man selbst. Diese Botschaft des Videos hat Hans Peter Richters in dem Buch ‚Damals war es Friedrich‘ mit treffenden, warnenden Worten ausgedrückt:

Damals waren es die Juden… damals war es Friedrich…
Heute sind es dort die Schwarzen, hier die Studenten…
Morgen werden es vielleicht die Weißen, die Christen oder die Beamten sein…

Wer ist es hier und heute?

Ist Didi ein Nazi?

Dieter Hallervorden zeigte 1997 in seinem Satiresketch „Deutsch für Türken“ die Heuchlei der damaligen deutsche Integrationspolitik  auf. Schon in der Anmoderation macht er das klar:

„Unter häufig wechselnden Innenminstern war die deutsche Politik immer wieder bemüht, die hier zu Lande  lebenden Ausländer nach Kräften zu integrierien – beispielsweise durch großzügige Rückreiseprämien.“

Indem er bei dem Kurs „Deutsch für Türken“ die Teilnehmer mantraartig alle Versionen des Satzes ‚Die Türken packen dir Koffer.‘ nachsprechen lässt, prangert er an, wie heuchlerische und kontraproduktiv die Integrationspolitik Deutschlands bis in die 90er hinein war.

Doch nicht alle verstehen diese inszinierte Indoktrination, Deutschland zu verlassen, als Kritik Hallervordens an der Politik. Vielmehr verstehen manche die Satire nicht, sondern nur „Ausländer raus“-Parolen, wie der Blogbeitrag auf SOS – Österreich zeigt:

„Wir sind keine Rassisten. […] Ich möchte aufzeigen, was sich ein Herr Hallervorden noch 1997 im Fernsehen zu sagen traute – heute würde der Mann als Nazi abserviert und verfolgt werden.“
– bloggt derpatriot

„Hallervorden hat vor 13 Jahren bereits das Türken-Problem in seinem Land erkannt und eben – karikiert.“
– kommentiert Sumach

Hallervordens Kritik wird ins Gegenteil verdreht und ausgeblendet. Ist dies nicht ein wunderbares Beispiel für selektive Wahrnehmung?

Was ist normal?

Von der Norm abweichende Menschen und das zuschauende Umfeld stehen sich häufig verständnislos gegenüber.

Wie solche Menschen und das Umfeld bei diesem Zusammenstoß leiden können, zeigt der norwegische Film Anderland eindrucksvoll, dessen Originaltitel „Den brysomme mannen“ auf deutsch „Der lästige Mann“ heißt.

Der Film zwingt den Zusschauer in die Rolle des Nonkonformisten, indem er eine friedvolle und paradiesartige Gesellschaft erschafft, deren Vorstellung von Normalität jedoch extrem beschränkt ist. Kinder, Musik, berauschende Wirkung von Alkohol, wahre Gefühle wie Liebe und sogar der Tod sind abnormal. Man leidet mit dem „lästigen Mann“, der sich all dies wünscht und auf den die Gesellschaft weniger mit Feindschaft sondern vielmehr mit völliger Verständnislosigkeit reagiert. Man erlebt die Intoleranz!

Was als normal gilt, ist überall anders, auch innerhalb Baden-Württembergs. In der Firma, für die ich arbeite, gibt es einen Mitarbeiterin, die ebenso aus der Masse heraussticht wie der „lästige Mann“ im Film. Ihr Modestil und Geschmack für extravagantes Make-Up lassen sie in der etwas konservativen Firmenkultur und eigentlich auch auf der Ostalb völlig deplatziert wirken. Ihre sexuelle Neigung spielt dabei nicht einmal eine Rolle. In Stuttgart und in einer anderen Branche hingegen würde sie kaum herausstechen. Es gibt noch viele Beschwerden, dass Homosexuelle gezwungen sind, vom Land in Städte zu ziehen.

Auch Deutschland hat noch einen weiten Weg zu gehen, wenn es um Toleranz geht. Die poltische Richtung, die der Toleranz am nächsten ist, ist der Gesellschaftsliberalismus. Die 1. These aus den Freiburgerthesen lautet:

Liberalismus nimmt Partei für Menschenwürde durch
Selbstbestimmung. […] Oberste Ziele liberaler Gesellschaftspolitik sind daher die Erhaltung und Entfaltung der Individualität persönlichen Daseins und der Pluralität menschlichen Zusammenlebens.