Archiv der Kategorie: Innenpolitik

Auf den Schultern von Riesen

‚We the Giants‘ von Peter Groeneweg ist ein künstlerisches Spiel, das man unbedingt gespielt haben muss. Es besticht durch Simplizität bei Sound, Grafik und Spielprinzip und hinterlässt vielleicht gerade deswegen einen tiefen Eindruck. Um so mehr bleibt Raum für die Frage nach der Opferbereitschaft in einer Gesellschaft und das Verhältnis von Gesellschaft zum Individuum.

(Unbedingt spielen! Spieldauer <5min)

Der Titel ‚We the Giants‘ spielt auf das Bild des Zwergen auf den Schultern von Riesen an, um zu beschreiben, dass unsere heutige vielfältige Kultur und unser reicher Wissensschatz auf den Errungenschaften vielen, vergangener Generationen beruht. Als Liberaler ist man den Zitaten in dem Spiel gut gewappnet.

Weitere Hinweise zu Art Games folgen.

Die Kunst ist frei! …auch wenn sie digital ist?

Wie lange dauert es, bis Computerspiele als Kunstform anerkannt werden? Soweit sind wir auf jeden Fall noch nicht, wie die massive Kritik an dem Spiel 1378 (km) und seinem Entwickler Jens M. Stober zeigt.

Worum geht es bei 1378 (km)?

Der Spieler wird in „1378(km)“ an unterschiedliche innerdeutsche Grenzabschnitte versetzt. Dabei ist es dem Spieler möglich in die Rolle des Grenzsoldaten der DDR oder die des Republikflüchtlings zu schlüpfen. In detailliert nachgebauten Szenarien an den jeweiligen Grenzabschnitten zwischen der Bundesrepublik Deutschlands und der Deutschen Demokratischen Republik, kann die dramatische Situation hautnah erlebt werden.
www.1378km.de

Für bild.de ist es widerwärtig. Blogger hingegen finden es je nach Hintergrund „interessant“, überflüssig oder „geschnacklos“. SPON hat es auch gleich geschafft ein paar Zitate von ein paar Hinterbänklern zu ergattern, die über „makaber und skandalös“ über „geschmacklos und dumm“ bis „mutig und interessant“ reichen. Mit Worten begnügt sich Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, nicht und hat bereits Anzeige erstattet.

Insbesondere Hubertus Knabe sollte sich einmal das Grundgesetz genauer anschauen:

Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.
– GG, Art. 5, Abs. 3

1378(km) ist nicht das einzige Spiel, das sich mit ernsten Themen beschäftigt und dafür kritisiert wird. Selbst das satirische McDonald’s Videogame, das ich hier vorstellte, stieß bei den Lesern des Blogs auf Unverständnis.

Wie kunstvoll mit dem Medium Computerspiel umgehen kann, zeigt der bereits von mir vorgestellte Machinima Reverse Propaganda Video:

Paolo Pedercini hatte … die unglaublich geniale Idee ein Computerspiel für Rekrutierungs- und Propagandazwecke zu benutzen, um ein „Reverse Propaganda Video“ zu erstellen. Er stellt der Fiktion des Rekrutierungsspiel  die realen psychischen Folgen des Militärdienstes gegenüber. Was für eine grandiose Idee!
‚Reverse Propaganda Video‘, Politur

Um weiter für die Bedeutung des Computerspiels als Kunstform zu werben, werde ich in den nächsten Tagen weitere hervorragende Beispiele für politische und kunstvolle Spiele hier diskutieren.

Nachtrag: Spielt den Rechtsstaat nicht gegen die Demokratie aus!

Ich forderte, dass man den Rechtsstaat nicht gegen die Demokratie ausspielen sollte. Dass der Rechtsstaat immer wieder bedroht wird, zeigen gleich mehrere aktuelle Ereignisse:

  • Die beschränkte Durchsetzbarkeit des Rechts bei gleichzeitiger öffentlicher Stimmung für den Rechtsbruch:
    Interner Bericht der Stadt Duisburg werden veröffentlicht. Die Stadt juristisch erfolgeich dagegen vor, aber kann sein Recht nicht durchsetzen, da das Dokument bereits mehrfach im Internet abrufbar ist (Streisand-Effekt).
  • Populistische Äußerungen von Politikern bei Sexualstraftätern:
    „Wegschließen – und zwar für immer!“ G. Schröder
  • Öffentliche Aufforderungen zum Rechtsbruch durch den Staat (Steuersünder-CD)
  • Blacklists fürs Internet direkt durch eine Behörde ohne richterliche Entscheidung
  • Mediale Vorverurteilungen durch die Medien bei Prozessen Kachelmann und Brunner

Der Rechtsstaat muss auch in einer Demokratie immer und immer wieder verteidigt werden.

Tragischer Held, der nach dem Guten strebt und doch das schlechte erreicht?

Jeder Blog, der sich entfernt mit Politik oder Kultur beschäftigt hat einen Beitrag zum Unglück auf der Loveparade in Duisburg. Warum habe ich noch keinen auf meinem Blog über Politik und Kultur? Ich hatte unterschätzt, welche die politische Bedeutung dieses Unglücks für viele Kommentatoren in Blogs und Foren hat.

Ich bin jedoch über die Reaktionen erschüttert. Differenzierte Meinungen liest man hin und wieder. Sie gehen aber in einem wütenden Sturm unter, der durch das Internet weht. Ich hätte nicht gedacht, was man alles aus dem Thema herausholen kann:

Besonders aus Adolf Sauerland haben sich die Menschen eingeschossen. Erste Medienberichte deuten auf massive Einflussnahme von oben im der Stadtverwaltung und der Politik auf am Sicherheitskonzept Arbeitende hin. Für dies Massen scheint klar:
„Ein überbezahlter Kommunalpolitiker wollte, um sich zu profilieren, ein Denkmal setzen. Dabei war er bereit über Leichen zu gehen.“
So der Tenor in den Foren.

Doch Medien haben sich schon häufiger getäuscht und es wurde öffentlich schnell vorverurteilt. Aktuelle Beispiele sind der Brunner-Fall (Hat Brunner zuerst zugeschlagen und starb an einem Herzproblem?) oder der Kachelmann-Fall (Ist Kachelmann am Ende vielleicht das Opfer?). Ebenso könnte es sein, dass Sauerland in der Tat wenig in die Planung involviert war und von ernsten Sicherheitsbedenken wenig mitbekommen hat.  Wahrscheinlicher ist, dass er der Stadt Duisburg etwas gutes tun wollte. Wir werden es rausfinde. Das wird aber eine Zeit dauern. Vielleicht ist Sauerland der tragische Held, der nach gutes trebte und schlechtes erreichte.

Individuelle Kennzeichnungspflicht für Polizisten

Heute versendete ich meine Vordruckpostkarte mit Forderungen von Amnesty an unseren Bundesinnenminster. Damit leiste ich meinen kleinen Beitrag zur aktuellen Kampagne „Mehr Verantwortung bei der Polizei“ von Amnesty Deutschland, die  sich gegen Polizeigewalt und -willkür in Deutschland richtet.

Eine zentrale Forderung ist die individuelle Kennzeichnung von Polizisten, die häufig bei Großeinsätzen nur die Nummer ihres Zuges tragen, aber kein individuelle Identifikation. Auf der Postkarte von Amnesty, die die Forderungen an den Innenminister richtet, war neben der anoynmisterte Kennzeichnung auch die namentliche eine Option. Letzteres lehne ich zum Schutz der Polizisten und deren Privatleben ab.

In dieser Form fordern diese die JuLis Baden-Württemberg:

Anonymisierte Kennzeichnung für Einsatzanzüge der Polizei

Die Jungen Liberalen fordern im Rahmen der Ausstattung der Polizei Baden-Württemberg mit neuer Dienstkleidung die Einführung der individualisierten anonymisierten Kennzeichnung von Polizisten auf Einsatzanzügen, wie sie z.B. in Einsatzhundertschaften bei Demonstrationen, Fußballspielen oder sonstigen Großveranstaltungen zum Einsatz kommen. Damit soll eine leichtere Erkennbarkeit der Polizisten im Falle einer Beschwerde sichergestellt und das Vertrauen in die Polizei gestärkt werden. Eine Verpflichtung zur namentlichen Kennzeichnung dieser Polizisten lehnen die Jungen Liberalen hingegen ab.

Beschluss des erweiterten Landesvorstands, 6.3.10

CDU sucht den Populismus in der Schweiz

Die CDU in Baden-Württemberg lässt beim Killerspielverbot nicht locker. Die beiden Landtagsabgeordneten Günther-Martin Pauli und Christoph Palm schielen bei populstischen Themen wohl gerne in die Schweiz, wo man ja auch Mineratten verbieten kann. Sie stellten eine kleine Anfrage an die Landesregierung:

  1. Welche Inhalte hat das aktuell in der Schweiz geplante Killerspielverbot?
  2. Wie stellt sich die Rechtslage in Deutschland im Verhältnis zur Schweiz nach der dortigen Umsetzung des neuen Rechts dar?
  3. Welche Erkenntnisse lassen sich aus der aktuellen Diskussion in der Schweiz für Deutschland gewinnen?

Natürlich ist das alle mit Winnenden begründet:

Nicht erst seit dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen beschäftigt sich der Landtag von Baden-Württemberg intensiv mit dem Umgang mit gewalthaltigen oder gewaltverherrlichenden Computerspielen.

Anbetracht der Entwicklungen der geschichtslastigen Erzählstrukturen von Computerspielen, wie es Heavy Rain derzeit vor macht, und dem Kriegsrealismus eines Call of Duty, frage ich mich, wann wir den ersten Ego-Shooter als ernsthaftes Antikriegsspiel haben. Computerspiele sind eine ernsthafte Kunstform wie zum Beispiel La Molleindustria regelmäßig mit ihren politischen Spielen beweist.

Ist Didi ein Nazi?

Dieter Hallervorden zeigte 1997 in seinem Satiresketch „Deutsch für Türken“ die Heuchlei der damaligen deutsche Integrationspolitik  auf. Schon in der Anmoderation macht er das klar:

„Unter häufig wechselnden Innenminstern war die deutsche Politik immer wieder bemüht, die hier zu Lande  lebenden Ausländer nach Kräften zu integrierien – beispielsweise durch großzügige Rückreiseprämien.“

Indem er bei dem Kurs „Deutsch für Türken“ die Teilnehmer mantraartig alle Versionen des Satzes ‚Die Türken packen dir Koffer.‘ nachsprechen lässt, prangert er an, wie heuchlerische und kontraproduktiv die Integrationspolitik Deutschlands bis in die 90er hinein war.

Doch nicht alle verstehen diese inszinierte Indoktrination, Deutschland zu verlassen, als Kritik Hallervordens an der Politik. Vielmehr verstehen manche die Satire nicht, sondern nur „Ausländer raus“-Parolen, wie der Blogbeitrag auf SOS – Österreich zeigt:

„Wir sind keine Rassisten. […] Ich möchte aufzeigen, was sich ein Herr Hallervorden noch 1997 im Fernsehen zu sagen traute – heute würde der Mann als Nazi abserviert und verfolgt werden.“
– bloggt derpatriot

„Hallervorden hat vor 13 Jahren bereits das Türken-Problem in seinem Land erkannt und eben – karikiert.“
– kommentiert Sumach

Hallervordens Kritik wird ins Gegenteil verdreht und ausgeblendet. Ist dies nicht ein wunderbares Beispiel für selektive Wahrnehmung?