Ein T-Shirt zieht seine Kreise

Seit einigen Tagen geistert ein Pro S21-T-Shirt durch die Blogs, so auch auf  Doras Tagebuch und Feyd Braybrook’s Blog. Es zeigt neben der Silhouette einer knienden  Frau den Spruch „Tu‘ IHN unten rein! Stuttgart 21“.

Ich finde Spruch nicht besonders gut und die Verknüpfung von Sex und Stuttgart 21 als unnötig an. Inzwischen hat die Aufregung auch die etablierten Medien und die handfeste Politik erreicht. Ministerpräsident Mappus und Umweltministerien Gönner werden angerufen und müssen sich einschalten. Die Gewerkschaft und grüne Landtagsfraktion ist öffentlich empört und sogar die Polizei wird eingeschalten.

Ist der Spruch und die Werbung sexistisch oder frauendskriminierend? Die Grundsätze des Werberats helfen diese Frage zu beantworten, die eigentlich nur für kommerzielle Werbung gelten.

Grundsätze des Deutschen Werberats zur Herabwürdigung und Diskriminierung von Personen

Fassung von 2004

In der kommerziellen Werbung dürfen Bilder und Texte nicht die Menschenwürde und das allgemeine Anstandsgefühl verletzen. Insbesondere darf Werbung – gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen – nicht den Eindruck erwecken, dass bestimmte Personen minderwertig seien oder in Gesellschaft, Beruf und Familie willkürlich behandelt werden können.

Vor allem dürfen keine Aussagen oder Darstellungen verwendet werden,

  • die Personen wegen ihres Geschlechts, ihrer Abstammung, ihrer Rasse, ihrer Sprache, ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer politischen Anschauung, ihres Alters oder ihres Aussehens diskriminieren
  • die Gewalt oder die Verharmlosung von Gewalt gegenüber Personen enthalten
  • die den Eindruck erwecken, Personen seien käuflich zu erwerben
  • die den herrschenden allgemeinen Grundüberzeugungen widersprechen (zum Beispiel durch übertriebene Nacktheit)
  • die Personen auf ihre rein sexuelle Funktion reduzieren und/oder deren ständige sexuelle Verfügbarkeit nahelegen
  • die pornografischen Charakter besitzen.

Mit dem T-Shirt werden Frauen nicht diskriminiert, keine Gewalt dargestellt, nicht der Eindruck der Käuflichkeit von Frauen geweckt, keine allgemeinen Grundüberzeugungen verletzt oder die abgebildete Frau pornografisch dargestellt. Jedoch wird die kniende Frauen „auf ihre rein sexuelle Funktion reduziert“ und vielleicht auch „deren ständige sexuelle Verfügbarkeit nahegelegt“. Somit kann man den Werbespruch in Verbindung mit der Silhouette einer knienden Frau nach den Grundsätzen des Werberats als Diskriminierung von Frauen werten.

Weiter heißt es jedoch in den Grundsätzen:

Ob ein Verstoß gegen diese Grundsätze vorliegt, hängt insbesondere von folgenden Kriterien ab:

  • Eindruck des verständigen Durchschnittsverbrauchers
  • Charakter des Mediums
  • Art des beworbenen Produkts/der beworbenen Dienstleistung
  • aktuell herrschende Auffassung über Sitte, Anstand und Moral in der Gesellschaft
  • dargestellte gesellschaftliche Wirklichkeit wie beispielsweise in redaktionellen Teilen der Medien, Film oder Theater.

Zum einen ist der „aktuell herrschende Auffassung über Sitte, Anstand und Moral in der Gesellschaft“, dass eine Frau selbstbewusst einen Mann beim Sex auffordern kann, „ihn unten rein zu tun“.

Zum anderen muss man sich den „Charakter des Medium“ genauer anschauen. Das Medium ist nicht eine weiße Plakatwand, auf der der Spruch mit kniender Frau abgebildet ist.  Es ist auch nicht nur ein T-Shirt auf einem Kleiderbügel. Das T-Shirt ist für Frauen geschnitten. Das ganze Werbemedium ist eine Frau, die solch ein T-Shirt trägt.

Niemand würde auf die Idee kommen, die Trägerin aufgrund des T-Shirts auf auf ihre sexuelle Funktion zu reduzieren oder gar ihre ständige sexuelle Verfügbarkeit erwarten. Der ganze Spruch erhält durch das Tragen einen ironischen Unterton. Es erinnert an die „I wish these were brains!“-T-Shirts. Stellt man sich jedoch einen Mann vor, der dieses T-Shirt trägt, dann hinterlässt das T-Shirt einen chauvinistischen Eindruck.

Da das T-Shirt offensichtlich für Frauen ist, ist es im Sinn des Werberatsweder weder sexistisch noch Frauen diskriminierend. Ob das T-Shirt für oder gegen guten Gemschack spricht und ob es lustig ist, kann man vortrefflich streiten.

Wenn man sich anschaut, welche hoch politischen Kreise das T-Shirt gezogen hat und wie sehr auf einmal nach staatlicher Ordnung und der Polizei gerufen wird, dann wird eine „gegen-alles“-Haltung bei den Gegner von S21 offensichtlich. Auch der Wert Freiheit scheint keine hohe Bedeutung zu haben. Bedenklich finde ich, welche Reaktionen das T-Shirt provoziert:

Ich finde es wirklich sexistisch und demütigend. sollte mir ein Mann in diesem Shirt begegnen bekommt er ihn unten rein, meinen Fuss
Anja auf Doras Tagebuch

Anja findet das T-Shirt sexistisch und alles andere als lustig. Auf der anderen Seite findet sie aber Gewalt gegen Männer lustig oder gerechtfertigt.

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5 Antworten zu “Ein T-Shirt zieht seine Kreise

  1. Die Geschichte mit dem Hemdchen scheint mir mittlerweile etwas aufgebauscht. Es ist ein saudoofes Hemdchen, kein Politikum.

  2. Lieber Autor,

    man kann (Änderung auf Wunsch, Politur) so etwas nicht zerpflücken und nach „offiziellen“ Grundsätzen des Presserates für harmlos befinden. Das ist Winkeladvokatie, oder nicht?

    Wenn Du es wirklich harmlos findest: angenommen, Du hättest eine Chefin, die gegen S21 ist. Angenommen, Ihr würdet diskutieren – würdest Du zwischendrin „tu in unten rein“ als kleines, auflockerndes Witzchen bringen?

    Komm, sei ehrlich: jeder weiß ganz genau, was damit gemeint ist und niemand, außer einem absoluten Prol, würde so etwas im Beisein einer Frau sagen.

  3. Die Frage ist doch eher, warum die Befürworter auf dem T-Shirt ihren neuen Bahnhof als Penis ansehen/betrachten.

  4. Vielen Dank für Ihren sachlichen Kommentar. Ich bin weder Jurist noch Modefachmann — ist das T-Shirt wirklich für den Frauenkörper geschnitten? — aber mein naiver Menschenverstand sagt mir, dass der Shirt nicht frauenfeindlich ist. Ich mag die Botschaft nicht zu Tode diskutieren, da das T-Shirt als Witz gemeint ist, und Witze sind nicht mehr lustig, wenn man sie erklären muss. Aber so wie ich es sehe:

    Die Frau kniet in Erwartung auf Fellatio. Eine unbekannte Dritte ruft ihr zu, „Tu ihn unten rein!“ Anstatt nur den Mann zu befriedigen, soll sie den Penis unten rein tun und selber etwas davon haben. Das heisst, die Frau wird aufgerufen, selbstbewusst zu handeln, was das genaue Nachteil von Frauenfeindlichkeit bedeutet. Weiterhin heisst es, die S21-Gegner werden als Frauen dargestellt, die alles mit sich machen lassen. Die S21-Befürwörter sind diejenigen, die stark genug sind, ihrer eigenen Befriedigung nachzugehen.

    Ich kann über so etwas lachen, auch wenn ich mit der Botschaft nicht einverstanden bin. Selbstironie. Über Anstand kann man streiten, aber frauenfeindlich ist das nicht. Es wäre einfach, den Spieß umzudrehen, z.B. ein Shirt mit der Darstellung einer schönen Frau und der Aufschrift „Ich will oben bleiben“. Krieg der T-Shirts.

    Es gibt eine Lobby, die die Darstellung von Frauennacktheit mit Frauenfeindlichkeit gleichstellt, ohne sich zu fragen, was dahinter steckt. Das scheint irgendwie in der deutschen Kultur verwurzelt zu sein. In anderen Ländern hört man diese Meinung weniger. In England sieht man seit 40 Jahren nackte Frauen in den Tageszeitungen (Page 3), aber niemand schreit „Frauenfeindlich!“ Vielleicht könnte ein Soziologe mehr dazu sagen.

  5. @Dora:
    Genau deiner Meinung. Fand es auch gut, dass du den Artikel mit dem Titel Nebelwerferstrategie geschrieben hast, auch wenn ich mich deiner zentralen Argumentation nicht anschließen kann.

    @feydbraybrook:
    Zum einen muss man immer Vorwürfe, auch den des Sexismus, begründen können. Hierzu habe ich bisher wenig gelesen und daher mich an den Richtlinien des Presserats orientiert, um meine eigenen Gedanken zu ordnen. Das hat vielmehr mit Versachlichung der Diskussion als „Winkeladvokatie“ zu tun.
    Ich finde es schade, dass Sie auf gute Argumente nicht eingegehen, sondern lieber versuchen die Versachlichung im allg. zu Verunklimpfen.
    Zum anderen scheint mir, wenn ich den zweiten Abschnitt ihres Kommentars lesen, dass Sie meinen Artikel nicht gelesen haben oder meiner Argumentation grundlegend nicht folgen konnten. Ein wesentlich Aussage meines Beitrags war, dass das Medium einer Webrbotschaft wesentlich ist. Hier ist es eine Frau, die ein T-Shirt trägt. Ich zitiere mich selbst:
    „Stellt man sich jedoch einen Mann vor, der dieses T-Shirt trägt, dann hinterlässt das T-Shirt einen chauvinistischen Eindruck. Da das T-Shirt offensichtlich für Frauen ist, ist es im Sinn des Werberatsweder weder sexistisch noch Frauen diskriminierend.“

    @Mike Hood:
    Vielen Dank für die ausführlichen Anmerkungen!

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