Die Grünen: Oder wie ich lernte, Nazi Chic zu lieben!

Sich dissende Künstler, die dabei um ihr Publikum und Anerkennung kämpfen, gibt es nicht nur heute. Schon die Rennaissance-Maler wie Leonardo da Vince und Michelangelo ließen über Umwege kein guts Haar am anderen beim Kampf um lukrative Aufträge, während sie in ein- und derselben Stadt tätig waren.

In den 1920er battelten sich zwei Architekten in Stuttgart. Beide realisierten große Projekte vor Ort, die wegweisend für die Stilrichtung der Architektur waren. Der eine war für eine international bedeutende Bauausstellung verantwortlich, während der andere den Hauptbahnhof der Stadt plante und baute.

Über die Siedlung des einen disste der andere:

„Der bisher [vom anderen] eingelieferte Plan der … Siedelung zeigt einen hoffnungslosen Dilettantismus, er ist praktisch unbrauchbar.“

Der eine wollte eine neues Bauen, der andere bediente sich alter klassizistischer Elemente. [1, 2]

Die Siedlung mit der neuen Architektur des einen sollte nach 1933 abgerissen werden, während 1933 der andere einen traditionelle und bodenständige Siedlung als Gegenentwurf erbauen konnte. [1, 2]

Der eine wanderte 1938 aus, während der andere unter Albert Speer Karriere machte. [1, 2]

Den Stil des einen nennt man aufgrund seiner weltweiten Wirkung  internationalen Stil, den Stil des anderen nennt man Stuttgarter Schule. [1, 2]

Die Schüler des einen flüchten und bauen in seinem Stil das moderne Tel Aviv auf, während der andere als Wegbereiter der Architektur im Nationalsozialismus gilt. [1, 2]

Nachdem 2. Weltkrieg prägt der eine mit dem Seagram-Building in Manhatten die moderne Architektur in Manhatten, Amerika und der ganzen Welt, während der andere in Ankara eines seiner letzten Gebäude errichtet. [1, 2]

Der eine wird amerikanischer Staatsbürger und erhält als erster Architekt die höchste zivile Auszeichnung Amerikas, der Presidential Medal of Freedom, während der andere in Stuttgart in seinem Grab ruht. [1, 2]

Der eine ist Ludwig Mies van der Rohe und hatte die künstlerische Leitung über die Stuttgarter Weißenhofsiedlung, die 1927 errichtet wurde.

Der andere ist Paul Bonatz, der den Stuttgarter Hauptbahnhof von 1914 bis 1928 erbaute.

Was sagt es über die Grünen aus, dass sie so sehr für den Erhalt des Baus eines wesentlichen Naziarchitekten kämpfen?

Was sagte es über die Stuttgarter aus, dass sie für einen unbedeutenden Gebäudeflügel eines regionalen Architekten auf die Straße gehen, aber kaum einer von ihnen den Weg in die Weißenhofsiedlung findet. Sie sollte es tun. Im dortigen Museum würden sie obigens Zitat von Paul Bonatz finden:

„Der bisher von Mies van der Rohe eingelieferte Plan der Werkbund-Siedelung zeigt einen hoffnungslosen Dilettantismus, er ist praktisch unbrauchbar.“

Deutlich mehr dazu findet ihr bei Clemens Henis Artikel ‚Stuttgart ist doch keine „Vorstadt von Jerusalem“‘.

Nachtrag:
Mehr zum zweifelhaften Wahlkampf der Grünen findet ihr in meinem Artikel ‚Noch 219 Tage! Der Wahlkampf ist eröffnet!‘.

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16 Antworten zu “Die Grünen: Oder wie ich lernte, Nazi Chic zu lieben!

  1. super cooler Artikel! Danke für diese architekturgeschichtlichen Hintergründe, gerade auch die Hinweise zu USA, Manhattan, fantastisch. Hoffe eine Analyse und luzide Kritik bringt noch ein paar mehr Leute zum Nachdenken – werde Ende September, wenn ich wieder daheim bin sozusagen in New York City, daran denken 🙂

  2. Ein schöner Artikel, der auch die historischen Hintergründe der beiden Bauprojekte erhellt.

    Aber: die Stuttgarter wehren sich nicht gegen den Abriss von Nazi-Architektur. Sie wehren sich gegen ein Projekt, das über ihren Kopf hinweg durchgesetzt werden soll („sie hätten ja“/“sie könnten ja“ gilt nicht, da eine Öffentlichkeit selten wirklich rasch auf ein so langfristiges Projekt reagieren kann). Sie sind unzufrieden mit der Begründung für die Kosten und empfinden den vorhandenen Bahnhof als Teil ihrer Umgebung, nicht als Nazi-Bauwerk.
    In diesem Punkt tut der Artikel mit seiner pointierten Rhetorik sowohl den Grünen, als auch den Bürgern von Stuttgart unrecht.

  3. Es ist ja in Ordnung, dass du etwas gegen die Grünen hat. Aber deswegen ist Bonatz noch lange kein „wesentlicher Naziarchitekt“. Er war nicht mal in der Partei. Was hat er den wesentliches gebaut nach 1933? Und warum soll man sich nicht aus architekturhistorischen Gründen für den Stuttgarter Hauptbahnhof einsetzen, der übrigens schon 1922 eröffnet wurde. Soll man sich gegen den Erhalt des HBF einsetzen, weil der Architekt sich gegen die Weißenhofsiedlung ausgesprochen hat? Meine Güte.

    Bonatz war auch kein einfach regionaler Architekt, sondern Mitbegründer der Stuttgarter Schule. Und man kann Bonatz nicht in einen Topf werfen mit Leuten wie Schultze-Naumburg oder gar Tamms, Speer oder Schulte-Frohlinde.

    Nicht alles durcheinanderschmeißen.

  4. Und der Bloggerkollege Clemens Heni (bei dem man nicht kommentieren darf) findet, der Stuttgarter HBF sehe aus wie ein Nazibau. Vielleicht für den, der von Architektur keinen Schimmer hat.

  5. Die Architektur soll kein Argument sein? Hängen an dem Bauzaun nicht riesige Plakate von Paul Bonatz? Wird nicht auf den Baustil als Kulturdenkmal verwiesen? Wurde nicht deswegen nicht sogar geklagt?

    Natürlich ist die Architektur eine Begründung gegen Stuttgart 21. Warum sollte man nicht die Argumente der S21-Gegner kritisch beleuchten?

    Dass die Stuttgart es nicht wahrnehmen, ändert nichts daran, dass der Bonatz-Bau seine kulturhistorische Bedeutung darin hat, dass er die Brücke zur Architektur im Nationalsozialismus baut. Brücken baute Bonatz im Nationalsozialismus übrigens reichlich.

    Bestenfalls kann man Bonatz als einen NS-Mitläufer bezeichnen. Er hat in dieser Zeit mehrfach im staatlichen Auftrag gebaut und solte für Hitler den Münchner Hauptbahnhof bauen. Spricht dafür dass der Stuttgarter Bahnhof auch historische Fans hat. Wie Bonatz war Leni Reifenstahl nie NSDAP-Mitglied. Macht es das besser?

  6. Geht es nun darum, wer den Hbf erbauen lies oder doch darum, vorhandenes in der Stadt zu erhalten – so das es in den innerstädtischen Bereich passt – anstatt Denkmalgeschützte Gebäude abzureissen und durch hässliche Sterile Betonklötze zu ersetzen?

    Fakt ist doch, das solche Umbauten im Endeffekt nur innerstädtische Architektur verdrängen und alles zu zubetonieren ist keine Lösung.

    P.S.: Es gibt auch Gebäude, die in anderen Staaten von Massenmördern errichtet wurden. Oder besser für sie errichtet wurden. Werden die alle abgerissen?

    Solange die Deutsche Bahn nicht bereit ist, den Zug der Erinnerung frei auf den Bahnhöfen des Landes agieren zu lassen, solange bin ich gegen Milliarden Steuergeldverschwendung.

  7. Der Stuttgarter HBF wurde Mitte der 20er eröffnet und ist natürlich weit entfernt von Neuer Sachlichkeit oder Bauhaus. Aber eben bei weitem keine Nazi-Architektur. Das ist völlig undifferenziert. Es geht um ein Baudenkmal, der HBF steht unter Denkmalschutz.

    Was ist das denn für eine absurde Argumentation: Weil Bonatz ab 1933 „Mitläufer“ war, soll es ok sein, ein Gebäude von ihm von 1925 abzureißen.

    Wer etwas gegen die S21-Gegner hat, kein Problem. Da gibt es bestimmt auch Leute drunter, die alles Neue ablehnen. Aber bitte nicht so peinlich argumentieren, indem man die S21-Gegner zu heimlichen Nazis macht.

  8. Der Baustil (Materialien, Monumentales Erscheinungsbild, Rundbögen, …) des Hauptbahnhofs ist stark mit dem der NS verwandt und die Nazis haben sich bei der Stuttgarter Schule stilistisch als auch personell stark bedient.

    Wenn nun massiv mit dem Baustil und der historischen Bedeutung des Bahnhofbaus („Lenin wandelte schon hier“,…) die Schützenswertigkeit begründet wird, dann sollte man auch die ganze Wahrheit sagen. Die Stuttgarter Schule und Bonatz prägten die Ästhetik der NS Zeit. Die meisten S21-Gegner sind sich dessen wahrscheinlich nicht bewusst.

    Relativierende Aussagen, dass es sich ja nur um einen Mitläufer handelte und andere Diktaturen andere Bauten hervorbrachten, die nicht abgerissen werden, finde ich unangebracht.

  9. Denkmalschutz funktioniert nicht parteipolitisch. Wenn du jeden Bau in Deutschland abreißen wolltest, der von einem Architekten gebaut wurde, der irgendwie stilistisch als Vorläufer der NS-Architetkur gelten kann, hättest du viel zu tun.

    Der HBF ist stilistisch in Süddeutschland meines Wissens fast einzigartig, außerdem sehr solide, handwerklich betrachtet, gebaut. Er ist absolut erhaltenswert.

    Gropius hat übrigens auch nach 1933 versucht, Aufträge in Deutschland zu bekommen. Willst du deshalb auch das Bauhaus oder das Faguswerk abreißen?

    Es ist heute sogar unstrittig, dass der NS-Teil des Außenministeriums und das frührer Reichsluftfahrministerium oder das Flughafengebäude Tempelhof erhaltenswert sind. Allesamt 1933 bis 1945 entstanden.

    Und wenn du suggerierst, Bonatz sei wegen des Münchneer HBF Hitlers Lieblingsarchitekt gewesen: Genau deshalb kam es zwischen den beiden zum Streit und Bonatz ist 1943 auf und davon in die Türkei.

  10. Völlig unabhängig davon, ob einem der Stuttgarter Hauptbahnhof gefällt oder wie man den Baustil des Baus einschätzt, sollte man die Person Bonatz kritisch betrachten. Ich finde es manchmal erschreckend, wie bei künstlerisch tätigen Personen gerne eine Auge zugedrückt wird.

    Gropius und Bonatz hier in der Einstellung zum Nazi-Regime gleichzusetzen, ist anbetracht meines Artikels über die andere Bauhaus-Größe van der Rohe mutig. Nahezu alles was ich oben über Ludwig Mies van der Rohe schrieb, kann eins zu eins auf Gropius umgemünzt werden.

    Gropius und Bonatz in die gleiche Schubalde zu stecken ist dreist, um nicht zu sagen geschichtskittend.

    Gropius verließ Deutschland weil seine Kunst als entartet galt. Bonatz hingegen machte Karriere, nur zum „Lieblingsarchitekten“ hat es eben nicht gereicht. Ernst als dies klar war und als bereits massiv Bomben auf Deutschland vielen, verließ er Deutschland.

    Mehr zu Bonatz Lebens gibt es hier.

  11. Sehr treffender Vergleich, bravo. Ich wohne unterhalb der Weissenhofsiedlung und sehe täglich, was die Nazis durch spätere „Korrekturen“ trotsdem noch angerichtet werden.

    Leider sind die Grünen nicht die edlen Helden, die Licht in die Seelen bringen. Sie sind eher Kreuzritter, die in ihren Kreuzzügen aus reinem Machtgehabe Kulturen zerstören. Ich schäme mich für meine Generation der 68er die da noch mitrennen. Wir haben 68 die Reste des BRD Faschismus durch politischen Einsatz als echte APO weggefegt. Heute meinen meine Altersgenosen wenn Sie den Grünen die das „Heil“ predigen hinterherlaufen, leben die alten Zeiten wieder auf? Esti omnes ego non, das ist der feine Unterschied.

  12. Persönlich berührt mich S-21 nicht, ich beobachte es jedoch interessiert, da die Polizei-Einsätze in ihrer Brutalität ja die der Volkspolizei 1989 übertreffen, hier also ein politischer Umschwung zu bevorstehen scheint. Auch, da Kinder und Rentner zusammengeschlagen und ihnen die Augen ausgeschossen werden. Das erinnert schon entfernt an das Zusammenschießen von Demonstranten durch die zaristische Polizei in Russland, dem wenig später die Oktoberrevolution folgte.

    Andererseits ist der Bahnhof ja tatsächlich grottenhässlich und verbreitet eindeutig ein Nazi-Architektur-Feeling. In beiden Punkten wird er nur noch vom Heidelberger Hauptbahnhof übertroffen. Oder vom Gebäude der ehemaligen SED-Bezirksleitung Dresden (ein früherer Nazi-Bau, AFAIK).

    Gegen das Plattmachen des kompletten Baus spricht also nichts, außer dass man, wenn man hochverschuldet wie unser Land ist, kein Geld für teure Neubauten rausschmeißen sollte, die sich nicht kurzfristig amortisieren.

    Nachdem sich aber jetzt eine Grüne ernstlich öffentlich beschwerte, dass das Haltbarkeitsdatum des Pfeffersprays abgelaufen war, mit dem die Terrortruppen der Stuttgarter Polizei Rentner und Kinder malträtiert haben, halte ich einen Abriss doch für eine gute Idee. Übrigens auch politisch – wird der Bevölkerung dann doch anschaulich gezeigt, was die bundesrepublikanische Machtelite von ihr hält. Oder wie Thomas Jefferson schon sagte: „Der Baum der Freiheit muss ab und zu mit dem Blut aufrechter Demokraten gedüngt werden“ – oder so ähnlich.

  13. Pingback: Fakten statt Emotionen | Politur Blog

  14. Leider wird hier die Wirklichkeit ziemlich verdreht dargestellt.

    1. Während der eine (Mies van der Rohe) noch kaum etwas gebaut hatte, war der andere (Bonatz) bereits ein erfahrerener Praktiker und hoch angesehen in der einflussreichen konservativen Stuttgarter Architekturschule.

    2. Der bis dahin unbedeutende eine (Mies van der Rohe) brauchte Geld aus der Stadtkasse um seine geplante Stilrevolution (Weissenhofsiedlung) zu realisieren. Um dies zu erreichen, bediente man sich zweier Kniffe: zum einen wurde das Projekt zum sozialen Wohnungsbau erklärt (entstanden sind dann allerdings überwiegend geräumige Häuser für bürgerliche Familien mit Dienstpersonal) und zum anderen wurde zur Beruhigung der Gemeinderäte der andere (Bonatz) ohne sein Zutun als möglicher Berater und evtl. Teilnehmer ins Spie gebracht – ohne dass man überhaupt daran glaubte, dass er mitwirken würde. Der Plan ging auf und die Gelder wurden bewilligt.

    Der andere (Bonatz) fühlte seinen Namen zurecht missbraucht und wehrte sich mit einer Zeitungspolemik in der er den Entwurf verriss. Zwei Jahre später verließ er den Werkbund und äußerte sich nie mehr öffentlich über die Weissenhofsiedlung. Er eröffnete die Architektenausbildung in Stuttgart für das Neue Bauen. 1931 verließ er die konservative Architektengemeinde „Block“, weil ein von ihm vorgeschlagener jüdischer Kollege nicht aufgenommen werden sollte.

    3. Zur Zeit, als Bonatz äußerte „Stuttgart sei keine Vorstadt Jerusalems“, galt Jerusalem als orientalische Stadt schlechthin, in der man auf Grund von viel Sonne und wenig Regen ganz anders baute als in unseren Breitengraden. Israel gab es noch gar nicht und Jerusalem war damals nicht die jüdische Stadt, die sie erst durch die jüdischen Einwanderer wurde.
    Von daher kann diese Aussage nicht antisemitisch gewertet werden.

    Davon abgesehen ist es ziemlich unsinnig ein wichtiges Kulturdenkmal der Moderne gegen ein anderes auszuspielen, gerade wenn eine Stadt nur zwei davon besitzt 😉

    • Susa, vielen Dank für deine Ergänzungen. Ich kann in deinen Angaben keinen Widerspruch zu meinem Artikel finden, vielmehr lassen sich deine Ergänzungen meinen Quellenangaben entnehmen.

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